Kulturschock inklusive: L.A.N.-Nachwuchs sammelt Erfahrungen im Ausland

20.12.2011
Kian mit seiner Gastfamilie in Montana (USA)Klicken um Bild zu vergrößern

Bei der Familie von Doug und Mary Lair verbrachte Kian Akbari sein Austauschjahr in Montana (USA). Von links nach rechts: Andrew, Doug, Kian, Abby, Grant und Mary

Was er zu Weihnachten kriegt, weiß Kian noch nicht („Ich hoffe, ein Klavier“), aber eins ist sicher: Dieses Mal liegen die Geschenke nicht unter einem Plastik-Baum sondern wieder unter einer echten Nordmanntanne. Vor einem Jahr hat der Fuldaer das christliche Fest zusammen mit seiner Gastfamilie in Montana (USA) gefeiert. Das abgelegene Städtchen Big Timber (eine Schule, ein paar Restaurants und rund herum Berge) wäre für viele Austauschschüler sicher alles andere als ein Volltreffer gewesen. Doch Kian machte das Beste daraus: Der musikbegeisterte 17-Jährige stieg vom Alt-Saxophon auf das tiefer gestimmte Tenor-Saxophon um und brachte sich selbst das Klavierspielen bei. 

Nach einem Auftritt in einer Musik-Show im Ort veröffentlichte das Lokal-Blatt einen Artikel über ihn. „So gefühlvoll, wie er das Tenor-Saxophon gespielt hat, könnte man glauben, er sei in einem rauchigen Jazz-Club in New Orleans aufgewachsen“, schrieb der Autor Patrick Cross im „Big Timber Pioneer“. Seit seiner Rückkehr im Juli hat Kian nur noch wenig Zeit zum Musikmachen: der Schul-Stress hat ihn voll im Griff.

"Band" als Schulfach

Vor einem halben Jahr sah das noch anders aus. Eines seiner Fächer an der Sweet Grass County High School hieß schlicht „Band“. In den Unterrichtsstunden probten die Schüler zusammen für Schul- Konzerte. Die musikalische Erziehung wurde an seiner High-School groß geschrieben, sagt Kian. In Deutschland dagegen lernten Schüler in den Musik-Stunden kein Instrument, sondern in erster Linie Theorie. Er und sein älterer Bruder Arian wurden von klein auf musikalisch gefördert, sagt der 17-Jährige. „Meine Mutter fand das wichtig.“ Als Erstes lernte er Blockflöte spielen, später Keyboard  („Hat keinen Spaß gemacht“). In der fünften Klasse hatte er dann die Wahl zwischen Querflöte und Alt-Saxophon. „Querflöte haben nur Mädchen gespielt, außerdem kamen da anfangs nur quietschige Töne raus“, begründet Kian seine Entscheidung für das Saxophon. 

Von einem Lehrer in Montana hat er gelernt, sich Tonleitern von Liedern vorzunehmen und sie neu zu interpretieren, gerne mit einer Blues-Note. Auch ein eigenes Stück hat Kian dort geschrieben. Dass er seiner Liebe zur Musik in den USA so viel Zeit widmen konnte, hing auch mit der ländlichen Gegend zusammen, in der er zehn Monate verbrachte. „Es war schön, aber da war nix“, sagt Kian. Das Städtchen Big Timber hat ähnlich viele Einwohner wie der Fuldaer Stadtteil Gläserzell, wo Kian wohnt. Bis zur nächsten Stadt fährt man eine halbe Stunde mit dem Auto.

Kultur-Schocks auf beiden Seiten

Mit seiner Gastfamilie hat er sich sehr gut verstanden, sagt Kian. „Das hat gepasst.“ Andrew, der Sohn der Familie, besuchte ihn im Sommer für drei Wochen in Deutschland. Auf seiner ersten Reise ins Ausland war der junge US-Amerikaner vor allem von alten Ritterburgen fasziniert. „Wenn das einer aus der Einöde sieht, ist das schon was“, sagt Kian. Noch dazu, wenn die Geschichte der eigenen Nation nicht einmal 250 Jahre alt ist. Auch für den Gläserzeller war vieles ungewohnt, als er im September vergangenen Jahres in den USA ankam. Als er einmal laut „Shit“ rief, wies ihn Andrew darauf hin, dass er dieses Wort keinesfalls aussprechen dürfe, wenn seine Eltern dabei seien. Wer in der Schule flucht, kann dafür einen Verweis kassieren, erzählt Kian.

Im Umgang mit unterschiedlichen Kulturen hat Kian Übung: Der 17-Jährige hat sowohl einen deutschen als auch einen iranischen Pass. Sein Vater Esmail Akbari, Geschäftsführer von Computer-L.A.N., begleitet deutsche Weihnachtslieder schon mal mit seiner Tombak-Trommel. Seine Frau und die beiden Söhne feiern dafür mit ihm das iranische Neujahrsfest, das immer am 21. März begangen wird.

Vernetzt über Facebook

Zu seiner Gastfamilie hat Kian nach wie vor Kontakt, vor allem über Facebook. Dort hat Kian sage und schreibe 899 „Freunde“. Natürlich sind die meisten davon tatsächlich eher Bekannte, „aber ich kenne alle mit Namen“, sagt Kian. Dazu gehören Mitschüler, Urlaubsbekanntschaften und Leute, die er vom Fußballspielen kennt. In den USA seien viele Kontakte dazu gekommen, außerdem haben viele Verwandte von ihm ein Profil in dem Netzwerk – sogar sein Opa. Kian hat den 81-Jährigen dort extra angemeldet, damit er sich Fotos von seinen Enkeln anschauen kann.

 

Am Montag hat Kian die letzte Klausur vor den Ferien geschrieben, jetzt macht er sich Gedanken über Weihnachtsgeschenke.  Und wenn er auf den letzten Drücker nichts mehr findet, hat er ja ein Ass im Ärmel: „Ich kann immer noch Saxophon spielen, da freuen sich immer alle.“